Das Kastanienherz
Shownotes
Meine Tochter wollte, dass ich ihr eine Geschichte über "ein Herz und eine Kastanie" erzähle. Daher haben wir uns zusammen diese Erzählung ausgedacht, in der ihr einem Mädchen mit einem großen Schulranzen und einer Kastanie mit einem starken Willen begegnet.
…das Titelbild zu der Geschichte hat meine Tochter gemalt und hier nun auch noch der Text, falls Ihr die Geschichte auch mal selbst vorlesen oder vielleicht mitlesen wollt:
Das Kastanienherz
Ein riesengroßer Kastanienbaum stand an einer kleinen Straße. Wenn man unter ihm entlangging und hinaufschaute, sah man anstatt des Himmels Tausende von Blättern und Hunderte von heranreifenden Kastanien. Eine dieser Kastanien hatte besonderes Glück. Denn alle Kastanien wuchsen in so einem stacheligen Schutzmantel heran, aber in ihrem war ein kleines Loch. Durch dieses Loch konnte sie die Welt um sich herum sehen. Jeden Morgen sah sie ein kleines Mädchen, dass manchmal mit ihrem Vater, manchmal mit ihrer Mutter unter dem Kastanienbaum entlangging. Auf dem Rücken trug das kleine Mädchen dann immer einen viel zu großen und schwer aussehenden Schulranzen. Diese eine besondere Kastanie freute sich jeden Morgen auf diesen Moment, wenn das kleine Mädchen unter dem Kastanienbaum herging. Denn auf ihrem Rücken, also auf ihrem Schulranzen war ein riesengroßes Herz. Und die kleine Kastanie hatte für sich entschieden, dass ein Herz die schönste Form auf der ganzen Welt ist. Und sie hatte noch etwas entschieden: Sie wollte, wenn sie eines Tages reif sein und wie alle anderen Kastanien vom Baum runterfallen wird, die Form eines Herzens haben. Sie hatte schon die ersten Kastanien runter auf den Bürgersteig fallen gesehen, und wie dann Kinder kamen und sie freudig aufsammelten. Es sah immer schmerzvoll aus, wie die anderen runterfielen und dann ihr stacheliger Schutzmantel auf dem harten Stein zerbrach. Aber darüber machte sich die besondere kleine Kastanie keine Sorgen. Ihr stacheliger Schutzmantel war dick und sicher, dachte sie sich. Was ihr aber Kopfzerbrechen bereitete, waren die Formen der anderen Kastanien: Sie waren alle nicht wirklich rund, auf der einen Seite eher flach und auf der anderen Seite gewölbt. Sie sahen alle aus, wie kaputte Bälle mit nur noch ganz wenig Luft drinnen – irgendwie platt.
Die besondere Kastanie hatte nun also entschieden, dass sie auf keinen Fall runterfallen werde, bevor sie nicht die Form eines Herzens haben werde. Zwar haben Kastanien keinen Kopf und keine Schultern, sie aber stellte sich vor, dass sie ihre Schultern die ganze Zeit nach oben ziehen und ihren Kopf ganz tief herunterdrücken würde. Sodass ihr oberer Teil diese schönen Wölbungen eines Herzens bekommen würde. Zwar haben Kastanien auch keine Beine und Füße, aber sie stellte sich auch vor, dass sie eben solche doch hätte und sie ganz langstrecken und aneinanderdrücken würde. Sodass ihr unterer Teil die Spitze des Herzens würde. Die besondere Kastanie war fest davon überzeugt, dass sie es schaffen wird, die Form eines Herzens zu haben.
Der Herbst schritt voran und bald würde es Winter sein. Die Blätter an dem Kastanienbaum wurden langsam golden. Kalte Winde rauschten zwischen den Ästen und immer öfter stürmte es. Mit dem stacheligen Schutzmantel klammerte sich die kleine besondere Kastanie aber mit all ihrer Kraft an den kleinen Ast, an dem sie hing – und jeden Morgen sah sie das kleine Mädchen mit dem großen Herz unter dem Kastanienbaum entlanggehen. Fast alle Kastanien waren bereits hinuntergefallen, aber die kleine Kastanie war dazu noch nicht bereit. Hatte sie schon die Form eines Herzens? – Sie wusste es nicht und strengte sich weiter an. Immer öfter gab es nun starke Gewitter mit Blitzen und Donnern und es fiel ihr immer schwerer, dort oben im Baum hängen zu bleiben.
Eines Morgens – es war sehr kalt, aber die Sonne schien – ging wie fast jeden Tag wieder das kleine Mädchen mit dem großen Herz auf dem Rücken unter dem Kastanienbaum entlang. Die besondere Kastanie versuchte durch das kleine Loch in ihrem Schutzmantel sie möglichst gut sehen zu können – da passierte es. Sie passte einen Augenblick nicht auf und hielt sich nicht richtig fest. Nun passierte es: Sie fiel runter und hatte furchtbare Angst. Was würde passieren? Zum Glück landete sie mit den spitzen Stacheln nicht auf dem Kopf des kleinen Mädchens, sondern direkt vor ihren Füßen. Ihr Schutzmantel zerbrach. Sie lag nun dort auf dem Bürgersteig. Der Vater des kleinen Mädchens sagte ganz überrascht: „Ui, das war aber knapp!“ – und die besondere Kastanie dachte dasselbe. Das Mädchen lachte, hob die Kastanie hoch und hielt sie ganz nah vor ihre Augen. Sie schaute sich die Kastanie ganz genau an. Und die Kastanie konnte nun in den Augen des Mädchens ihr Spiegelbild sehen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie hatte nicht die Form eines Herzens – sie sah einfach aus wie alle anderen Kastanien. Sie war traurig, enttäuscht und ihr war jetzt alles egal.
Das Mädchen steckte sie in ihren Schulranzen. Dort war es dunkel und mit jedem Schritt, den das Mädchen ging, wurde die Kastanie in der Dunkelheit hin und her geschleudert. Da dachte sich die Kastanie: „Und jetzt? Alles war ein Fehler …und was wird jetzt passieren?“ Sie hatte nie darüber nachgedacht, was mit einer Kastanie passiert, nachdem ein Kind sie eingesammelt hatte. Sie hatte Angst – und hörte auf einmal den Lärm vieler Kinder. Da wurde plötzlich der Reißverschluss des Schulranzens geöffnet. Helles Licht drang in die Dunkelheit. Eine Hand suchte nach der Kastanie; es war die Hand des Mädchens. Sie ergriff die Kastanie und zog sie heraus. Um das Mädchen herum standen ganz viele Kinder und allen zeigte sie die kleine, unförmige Kastanie. „Wisst ihr, dass die eben fast auf meinen Kopf gefallen ist? Das wäre eine riesige Beule geworden – vielleicht größer als mein Kopf“, erzählte sie mit strahlenden Augen und dann lachte sie. „Da hatte ich ja doppeltes Glück – nun habe ich keine Beule, aber die schönste Kastanie, die ich je gesehen habe!“
Die Rechte an der Aufnahme und der Geschichte liegen bei Till Magnus Steiner (Kontaktmöglichkeit via E-Mail: tms.steiner@gmx.net)
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