Der Schneckentanz
Shownotes
Meine Tochter wollte, dass ich ihr eine Geschichte über "eine Schnecke und eine Ballerina" erzähle. Daher haben wir uns zusammen diese Erzählung über Ängste, die Freude am Tanzen, die beste Ballerina der Welt und einen Vater, der wild tanzt, ausgedacht; und hier nun auch noch der Text, falls Ihr die Geschichte selbst vorlesen oder vielleicht mitlesen wollt:
Der Schneckentanz
Bella war die beste Ballerina der Welt – aber nur, wenn sie allein in ihrem Kinderzimmer war und niemand sie sehen konnte. Beim Tanzen schaltete sie nie die Musik ein, damit bloß niemand mitbekommen konnte, dass sie tanzt. Am liebsten tanzte sie abends, wenn sie eigentlich ihre Hausaufgaben machen sollte – denn dann war sie sicher, dass niemand sie stören würde. Sie brauchte ja Ruhe, um ihre Hausaufgaben zu machen.
Sie legte also ihre Mathe-Bücher aufgeschlagen auf ihren Schreibtisch und daneben das Heft samt ihrem Etui. Sie setze sich hin, löste zwei Aufgabe – und dann sprang sie auf und tanzte mit vielen Sprüngen und Drehungen vergnügt durch ihr kleines Zimmer. Dieses Mal war sie jedoch nicht allein. Sie hätte ihn eigentlich sehen können, wie er dort zwischen den Blüten und Blätter im Blumenkasten auf der Fensterbank stand. Aber ihre Augen waren geschlossen und sie genoss jede ihrer Bewegungen. Nachdem sie sechs, sieben oder acht Pirouetten ganz schnell hintereinander gemacht hatte, war ihr so schwindelig vom Drehen geworden, dass sie auf ihren Popo fiel und ihre nun weit aufgerissenen Augen direkt in seine Augen blickten. Mittlerweile hing er schief am Fenster und streckte sein Fühler, an deren Enden seine Augen waren, direkt gegen das Glas. Bella schrie, aber nur ganz kurz und hielt sich dann doch noch schnell ihre Hände vor den Mund. Die Schnecke fiel vor Schock runter in den Blumenkasten. Bella ekelte sich vor Schnecken – sie waren für sie viel zu schleimig, labberig und glibberig. Nun sah sie die Schnecke nicht mehr, sondern nur zwei Fühler, die zwischen den Blumen sich in ihre Richtung streckten. „Guckst Du mich an?“, fragte Bella und die Schnecke nickte mit ihren Augen.
Bella sprang auf und öffnete das Fenster und nun hörte sie, wie die Schnecke ihre antwortete: „Du tanzt so wunderschön! Ich wünschte, ich könnte mich so bewegen wie Du, so springen und mich so drehen!“ Bella starrte die Schnecke an, sagte nichts und sah, wie die Schnecke ihren Körper sehr sehr langsam nach reeeeeeechts und dann zurück nach liiiiiiiinks bewegte – wie gesagt, sehr sehr langsam. „Siehst Du, wie ich tanze?“ fragte die Schnecke sie; da musste Bella laut lachen. „Nicht nett!“ sagte die Schnecke beleidigt und Bella tat es direkt leid. Obwohl sie sich eigentlich vor Schnecken ja ekelte, setze sie diese nun auf ihre Hand und begann mit ihr zu hupfen und sich zu drehen. Sie wollte ihr zeigen, wie schön es ist, zu tanzen. Vor Freude pfiff die Schnecke dabei eine Melodie, nach der nun Bella tanzte – und so tanzten sie zusammen, schlossen ihre Augen und genossen jede Bewegung. Bis sie auf einmal die Stimme von Bellas Vater hörten, der plötzlich mitten im Zimmer, direkt vor ihnen stand: „Oh Bella, wie schön Du tanzen kannst!“ Er streckte ihr seine Hände entgegen und wollte mit ihr tanzen – aber Bella drehte sich von ihm weg, verschränkte die Arme und setzte sich auf den Boden; so als ob sie beleidigt wäre. Aber sie war nicht beleidigt, sondern es war ihr unglaublich peinlich, dass ihr Vater sie tanzen gesehen hat. „Komm tanz doch mit mir!“, sagte ihr Vater und die Schnecke flüsterte ihr zu: „Ja, tanz doch mit ihm!“ – da wurde Bella sauer! „Niemand darf mich beim Tanzen sehen – das ist peinlich!“. Der Vater und auch die Schnecke waren verwundert: „Peinlich?“ fragten beide. Bella fiel in die Arme ihres Vaters, drückte sich ganz fest an ihn und weinte. Die Schnecke kroch Bellas Arm hinauf und hinterließ dabei eine ekelige Schleimspur, bis sie auf Bellas Schulter saß. Bella war das egal, sie drückte sich mit aller Kraft an ihren Vater, so als ob sie am liebsten in ihm verschwinden würde.
Die Schnecke pfiff nun die Melodie, zu der sie eben noch getanzt hatten in Bellas Ohr. Der Vater hörte sie, nahm Bella in ihren Arm und tanzte mit ihr durch den Raum. Zuerst wehrte sie sich und strampelte mit den Füßen., doch es gefiel ihr – und auch der Schnecke – wie ihr Vater mit ihr durch den Raum tanzte und dabei sang: „Damdadamdadada, Damdadamdadada.“ Es fühlte sich an, als würde sie fliegen. „Papa, ich will mit Dir tanzen!“ flüsterte sie ihm ins Ohr. Er warf sie in die Luft, nahm ihre Hände, sie landete mit ihren Füßen kurz vor ihm und nun tanzten sie gemeinsam: „Damdadamdadada, Damdadamdadada.“ – und am Ende ihres Tanzes umarmten sich beide ganz fest. Die Schnecke weinte vor Freude, denn es war ein so schöner Moment. „Willst Du vielleicht zu einem Tanzkurs gehen?“, fragte Bellas Vater und Bella bekam fürchterliche Angst. „Nein, ich will nicht, dass mich jemand tanzen sieht!“, „Aber du tanzt doch schon so schön!“ „Nein, auf keinen Fall!“ Einen Moment lang sagte daraufhin niemand etwas – in diesem Moment entdeckte der Vater die Schnecke auf Bellas Schulter.
„Ist das dein Tanzpartner?“ fragte er; und die Schnecke sagte zu Bella: „Ich will auch zu einem Tanzkurs!“ Da lachte der Vater: „Wollen wir beide zusammen zu einem Tanzkurs gehen?“ Die Schnecke antwortete: „Oh ja, sehr gerne!“ Der Vater sah sie verwundert an. „Eigentlich hatte ich ja Bella gefragt und nicht Dich!“ Bella lachte laut, die Schnecke seufzte – und der Vater wusste nun, was zu tun war: „Dann gehen wir eben alle zusammen zu einem Tanzkurs – und dort tanzen wir mit geschlossenen Augen, damit niemand sehen kann, wie schön wir tanzen!“ Dann nahm Bellas Vater die Schnecke auf die Hand und tanzte ganz wild durch das Zimmer und stieß dabei einen Stuhl um. „Papa, Du bist peinlich!“, lachte Bella – und am nächsten Tag gingen wirklich alle drei zusammen zu einem Tanzstudio und meldeten sich für einen Kurs an. Die anderen Kinder guckten etwas verwundert, dass ein erwachsener Mann und eine Schnecke mit ihnen fortan zusammen tanzten, aber das war Bella nun egal. Denn Bella liebt es zu tanzen, ganz egal, ob sie jemand dabei sieht oder nicht – und wenn sie heute auf den großen Bühnen dieser Welt als echte Ballerina vor tausenden von Menschen tanzt und plötzlich Angst bekommt, dann schließt sie ganz kurz die Augen. Und dann sieht sie in ihren Gedanken, wie ihr Vater mit der Schnecke durch ihr altes Kinderzimmer tanzt; und dann lacht sie kurz und tanzt voller Freude weiter.
Die Rechte an der Aufnahme und der Geschichte liegen bei Till Magnus Steiner (Kontaktmöglichkeit via E-Mail: tms.steiner@gmx.net)
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