Das Bärenbaby

Shownotes

Meine Tochter wollte, dass ich ihr eine Geschichte über "Prinzessinen und ein Bärenbaby" erzähle. Daher haben wir uns zusammen diese Erzählung über Freundschaft und Eltern, denen man manches Problem erst erklären muss, ausgedacht - und hier nun auch noch der Text, falls Ihr die Geschichte selbst vorlesen oder vielleicht mitlesen wollt:

Das Bärenbaby

Es gab eine klare Regel zwischen den beiden Prinzessinnen: Sophia und Bella teilten all ihre Spielzeuge und verbrachten all ihre freie Zeit miteinander, aber mit dem Bärenbaby von Bella durfte Sophia niemals spielen.

Die beiden waren die besten Freundinnen und zu ihrem großen Glück standen ihre Schlösser direkt nebeneinander; sodass sie alles den ganzen Tag lang zusammen machen konnten. Erst am Abend mussten sie sich trennen, wenn jede von ihnen in ihrem eigenen Schloss ins Bett gehen musste. Kurz vor dem Schlafengehen winkten sie sich dann immer von ihren Kinderzimmern einander zu. Und dann trafen sie sich jeden Morgen direkt wieder, um gemeinsam zur Schule zu gehen.

Aber es ärgerte Sophia sehr, dass sie nie mit dem so süßen kleinen Babybären spielen durfte. Täglich fragte sie: „Darf ich vielleicht heute mit deinem Bärenbaby spielen? Es ist so süß.“ Doch Bella wurde dann immer sauer und sagte: „Nein, auf keinen Fall!“ – und danach durfte Sophia nichts mehr über das Babybären sagen. Deshalb entschied sie eines Tages nicht mehr zu fragen, sondern einfach mit dem kleinen, süßen Bären zu spielen. Am nächsten Morgen sagte sie ihren Eltern, dass sie krank sei – sie hätte Kopf- und Bauchschmerzen und sei total müde. Es sei wohl besser, wenn sie einfach den Tag im Bett bliebe. Ihr Vater brachte ihr eine Wärmflasche und ihre Mutter machte für sie einen Tee. Als sie aus dem Kinderzimmer rausgegangen waren, sprang Sophia aus dem Bett und rannte zum Fenster. Sie konnte sehen, wie Bella alleine in die Schule ging. Nun schlich sie sich aus dem Schluss, lief ganz schnell hinüber in das andere Schloss, ohne dass sie jemand sehen konnte, und rannte, als sie sicher war, dass wirklich niemand sie sehen konnte, durch das große Eingangstor hinein. Immer wenn jemand kam, ging sie schnell in eine andere Richtung und versteckte sich ein paar Minuten. Sie war so damit beschäftigt nicht entdeckt zu werden, dass sie sich im Schloss verlief. Plötzlich sahen alle Flure und alle Türen gleich aus: War sie nun im dritten oder vierten Stock, im West- oder im Ostflügel? Mit Mühe und Not fand sie den Weg zurück zum Eingangstor, ohne gesehen zu werden, und trottete enttäuscht in ihr eigenes Kinderzimmer in ihrem Schloss zurück. „Oh man!“ seufzte sie laut auf ihrem Bett sitzend, während sie aus dem Fenster hinüber in das Zimmer von Bella blickte. Dort sah sie durch das offene Fenster, wie das kleine Bärenbaby vergnügt mit einem Ball auf dem Bett spielte. Da hatte sie eine waghalsige Idee.

Sophia nahm nun ihren Pfeil und Bogen aus dem Schrank, knotete das eine Ende eines langen Seils, mit dem sie normalerweise Tauziehen spielten, an ihren schweren Kleiderschrank und das andere Ende an einen Pfeil. „Bella wird ein kleines Einschussloch an ihrem Kleiderschrank schon nicht bemerken“, flüsterte sie ganz leise zu sich selbst und schoss den Pfeil aus ihrem Kinderzimmer hinüber, durch das Fenster von Bellas Zimmer, und traf zwar nicht den Kleiderschrank, aber die Wand. Zur Probe zog sie nun einmal fest an dem Seil. Es hielt. Nun kam der schwierige und etwas gefährliche Teil ihres Plans. Mit beiden Händen hielt sie sich an dem gespannten Seil fest, schwang ihre Beine hoch und hangelte sich wie ein kleines Äffchen hinüber zum Bärenbaby. Es guckte sie etwas verwundert an, als sie plötzlich neben ihm stand. Es freute sich aber sehr, nicht mehr alleine spielen zu müssen und warf Sophia direkt seinen Ball an den Kopf. Die Beiden spielten nun, kuschelten und schliefen dann vor Erschöpfung auf dem großen Bett ein.

Aus ihrem tiefen Schlaf wurden sie aber bald schon gerissen, als die Tür knarrte, aufging und nun Bella hineinkam: „Sophia! Was machst Du hier?“ schrie sie vor Wut schnaubend. „Du gehst sofort hier raus, du darfst nicht mit dem Bärenbaby spielen!“ Sie griff nach der Hand ihrer Freundin, zog sie aus dem Zimmer heraus und knallte die Tür zu. Nun war auch Sophia sauer und schrie durch die verschlossene Tür hindurch: „Warum darf ich nicht mit diesem Bären spielen? Warum spielen wir nicht zusammen mit ihm?“ Bella stand auf der anderen Seite der verschlossenen Tür und schwieg. Sie war wütend, enttäuscht und traurig. Dass sie stumm blieb und die Tür nicht öffnete, machte Sophia noch wütender. Sie schlug gegen die Tür: „Du bist eine furchtbare Freundin!“ Bella fing an zu weinen: „Ich kann, ich darf es Dir nicht erzählen. Warum verstehst Du das nicht? Ich muss ihn beschützen.“

Bellas Eltern hörten den Lärm, das Geschrei und dass die beiden Prinzessinnen weinten. Sie eilten zu dem Kinderzimmer: „Was ist denn hier los?“ Beide Prinzessinnen weinten so bitterlich, dass sie ihnen gar nicht antworten konnten. Bellas Vater sagte mit strenger Stimme: „Öffne die Tür!“ Sie öffnete die Tür und rannte in seine Arme: „Sie versteht es einfach nicht! Schick sie nach Hause!“, bat sie ihren Vater mit einem Tränen überlaufenen Gesicht. Sophia stampfte wütend auf den Boden: „Sie lässt mich nicht mit dem Bärenbaby spielen!“ Bellas Mutter setzte sich auf das Prinzessinnenbett und winkte die beiden Mädchen zu sich. „Sophia, kannst Du ein Geheimnis für Dich behalten?“ Sophia nickte und schluchzte. „Bella, dann darfst Du Sophia unser Geheimnis erzählen.“ Bellas Eltern gingen aus dem Zimmer raus und die beiden Prinzessinnen waren allein. Gegenseitig wischten sie sich die Tränen aus dem Gesicht.

Bella umarmte ihre beste Freundin und flüsterte ihr ins Ohr: „Bei einem Spaziergang im Wald hörten meine Eltern und ich Schüsse. Plötzlich stand vor uns diese riesige Bärin. Wir standen ganz starr vor Angst. In ihren Tatzen hielt sich ihr kleines Baby fest. Wir hörten wieder Schüsse. Dann legte die Bärin ihr Baby in meine Hände. Dann verschwand sie im Wald. Ich gab meinem Vater das Bärenbaby. Er sollte es in seinem langen Mantel verstecken. Er sah mich an und sagte zu mir: ‚Nun bist du die Bärenbeschützerin.‘“ Bella umarmte Sophia noch stärker und wollte sie gar nicht mehr loslassen.

Sophia umarmte Bella genauso innig. Doch sie wunderte sich. „Ich verstehe das nicht. Warum darf ich nicht mit dem Bärenbaby spielen?“ Bella schluchzte laut: „Ich muss das Bärenbaby doch vor den Menschen beschützen!“ Da ließ Sophia ihre beste Freundin einfach allein im Zimmer stehen und ging weg. Bella wollte noch rufen: „Warte!“, aber da war die Tür schon wieder zu.

Zehn Minuten später kam Sophia mit ihren Eltern und Bellas Eltern zurück in das Zimmer von Bella. Sie nahm ihre Hand und zusammen hoben sie das Bärenbaby auf ihre Arme. Zu den Eltern sagte sie nun mit fester und klarer Stimme: „Ihr seid Könige und Königinnen. Wenn ihr redet, hören Euch die Menschen zu!“ Die Eltern standen stumm da – da ergriff Bella das Wort: „Ihr müsst das Bärenbaby beschützen! – Nicht ich! Das ist Eure Aufgabe!“; sie dachte kurz nach und forderte nun: „Es muss zurück zu seiner Mutter!“ Die Königinnen und Könige schauten sich verwundert an. Sophia schüttelte ihren Kopf: „Wisst Ihr denn nicht, was ihr tun müsst?“ Sie nickten mit den Köpfen und erklärten, dass fortan in ihren Königreichen, niemand mehr weder einen Bärenbaby noch eine Bärenmutter, und auch keinen Bärenvater jagen darf. Was wäre das auch für eine Welt, in der Eltern und ihre Kinder nicht sicher sind! – „Manchmal ist die Lösung doch ganz einfach!“ lachte Sophia. „Aber zu einfach für die Eltern, sodass man es ihnen erklären muss.“

Am Abend desselben Tages nahmen Bella und Sophia ein Zelt und gingen mit dem Bärenbaby in den Wald – dorthin, wo Bella die Bärenmutter das letzte Mal gesehen hatte. Drei Nächte und drei Tage zelteten sie dort und warteten. Ihre Eltern brachten ihnen Essen und Trinken und sagten immer wieder: „Jetzt kommt doch endlich nach Hause!“ Sie aber warteten und hofften, dass die Bärenmutter zurückkommen würde. In der vierten Nacht, als sie schliefen, wurden sie wach, als sie hörten, wie das Bärenbaby heulte. Die Nacht schien besonders dunkel zu sein, so als würde ein tiefer Schatten auf dem Zelt liegen. Doch dieser Schatten bewegte sich, er streichelte über das Zelt. Und das Bärenbaby sprang und rollte durch das Zelt. Bella und Sophia hingegen hatte Angst. Dann öffnete jemand von außen das Zelt und das Bärenbaby rannte hinaus. Bella und Sophia rannten hinterher und sahen wie die Bärenmutter und ihr Baby in den Wald verschwanden. Sophia legte ihren Arm auf die Schultern von Bella und rief in die Dunkelheit und den Wald hinein: „Ihr seid beschützt!“


Die Rechte an der Aufnahme und der Geschichte liegen bei Till Magnus Steiner (Kontaktmöglichkeit via E-Mail: tms.steiner@gmx.net)

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